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Gosford Park

 

 

 

(ein Brief an Robert Altman)

 

 

Die britische Seifenoper und das Whodunnit in Kombination, also das Agatha-Christie-Metier, sei ein Genre, das er noch nie ausprobiert habe, stellte Robert Altman fest, suchte sich ein hochkarätiges britisches Schauspielerensemble zusammen, sorgte für eine ausgefeilte Ausstattung und drehte "Gosford Park".

 

1932, England. Eine gehobene Gesellschaft mit Dienerschaft trifft sich in einem Landschlösschen, um dort ein paar ihrer müßigenTage zu verbringen. Verstrickungen, Machtverhältnisse, deuten sich an, beiläufig, zeitgreifend. Fast hätten wir es nicht mehr erwartet, da geschieht ein Mord. Ein kompliziertes Beziehungsgeflecht innerhalb der Herrschaft, ein ebensolches bei den Dienern und Dienerinnen, und damit nicht genug, wie es inoffiziell üblich war, auch verwandtschaftliche Relationen zwischen beiden Gruppen, denen "Gosford Park" - hier ist das Treatment innovativ - gleich viel Beachtung schenkt. In den vornehmen Etagen konversieren blasierte Lords und Ladys, im fensterlosen Keller und auf dem Dachboden spinnt die knapp gehaltene Dienerschaft ähnliche Intrigen, herrschen fast spiegelbildliche Hierarchien. Viel anderes als eine Nachahmung bleibt ihr nicht.

 

Bilder wie Gemälde im Fluss, da die Kameras nie halt machen, an den Figuren vorbeigleiten, die selbst auch oft in Bewegung bleiben, vor und hintereinander treten und manchmal in fünf Dreiergruppen gleichzeitig parlieren, fünf Dialoge zur selben Zeit, jeder Darsteller mit einem eigenen Mikrofon versehen. Die Tonauswahl wurde dem Bildausschnitt angepasst.

 

Mit seiner einzigartigen Souveränität gelingt es Altmeister Altman - vielleicht das erste Mal seit "Short Cuts" oder "The Player" wieder - aus der Unüberschaubarkeit eines Bienenkorbes Homogenität, etwas Organisches zu fabrizieren, weil er wie kein anderer den Überblick über ein kompliziertes Arrangement behalten kann.

 

Figuren, die immer wieder nur kurz gestreift werden, gewinnen immer mehr an Gestalt und Farbe, was drei Faktoren geschuldet sein mag: ausführlichen Recherchen über das Milieu, einer glänzenden Schauspielerriege und dem Regiekonzept Altmans, jedem einzelnen Schauspieler das Gefühl zu vermitteln, er sei die Hauptfigur, der Mittelpunkt des filmischen Universums, - einen Effekt, den man z.B. auch bei Quentin Tarantino wiederfinden kann. Intensivste Aneignungen ihrer Figuren befähigen die Schauspieler dazu, ihre Rollen zu leben, oftmals ihre Texte zu improvisieren, ohne dass das nur einmal künstlich wirkte.

 

Mit welch großartiger, zurückhaltender Gleichberechtigung Altstars wie Alan Bates oder Maggie Smith neben Helen Mirren (die nach "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" mit [dem Dieb] Michael Gambon ein zweites Mal auf engstem Raum kollidieren muss), Kristin Scott-Thomas, Stephen Fry und die herausragende Emily Watson ("Breaking The Waves") mit Youngstern (endlich wird mal G. Rugenbauer in einer Filmkritik zitiert) kooperieren können, dürfen, wollen, ohne sich gegenseitig einzuschränken, das ist wirklich sehenswert.

 

Das Ende einer Ära, die letzten Züge eines lange überkommenen feudalen Lebensstils und dessen - wirklich bis spät in die Nacht arbeitender – Grundlage; wir dürfen zuschauen, wir dürfen die authentischen Automobile, die minutiös rekonstruierten Räumlichkeiten von oben und unten, die Fracks, die Kleider, die Badewannen, das Tischedecken, die Fasanenjagd begutachten, wir dürfen gar durch die etwas verzerrenden, da nicht gerade gegossenen, authentischen Fensterscheiben sehen, und alles dies: die plausiblen Diener und Herren, die nicht endenden Dialoge, die subtilen Bildkompositionen ziehen immer etwas ruhelos an uns vorüber, - bis uns flau im Magen wird. Jedenfalls erging es mir so. Ein kleines bisschen Zuviel an Menschen, an Andeutungen, an Verwicklungen, an Zeitkolorit - im Gegensatz zu z.B. "The Player" machte es mir Lust, wenigstens meinen Kopf, nicht direkt die DVD abzuschalten. Eine Quantität, in der ich schnell ersaufen wollte. Da konnte Herr Altman mir hinterher in seinem DVD-Kommentar immer noch erklären, dass diese mannigfachen Andeutungen ja wie im Leben auch uns realistisch erscheinen sollten, und wir uns als deren flüchtiger Beobachter zu fühlen hätten. Ein Trip ins Jahr 1932 also. Aber wer sind wir in diesem Spiel? Ich für mich fand mich hier nicht vorstellbar (will sagen: ich mag Identifikationsangebote).

 

Der Film ist zwar schon ein Krimi, es gibt den Ermordeten und es gibt dessen MörderIn, und es gibt die Auflösung. Der Film ist auch eine lebendige Milieustudie und sicherlich eine Genrestudie von Jane Austen-Romanen über  "Das Haus am Eaton Place" zu Agatha Christie, (und, wie all dieses, Frauen-Geschichten, weil Altman auch immer ein „Frauen-Regisseur“ war) und wenn man den Film zum zweiten Mal sieht, - sagt Altman in seinem DVD-Kommentar, beginnt man die Handlungweisen seiner Objekte ganz neu zu beurteilen, weil man dann ihre Hintergründe kennt und weil man nicht mehr den Kriminalfall lösen muss.

 

Verzeih mir, Robert Altman, wenn ich eine längere Pause einlege, bis ich deinen Film wieder sehe. Er ist wirklich meisterlich gemacht, mit tollen Schauspielerleistungen, bis ins Detail beherrscht und durchkomponiert, wahrscheinlich wirklich dein bester seit "Short Cuts". Aber genauso sonderbar wie seine Kameras flanierte "Gosford Park" an mir vorüber, ohne mich einmal ernsthaft berührt oder interessiert zu haben. Ich fürchte ernsthaft, daran wird sich beim zweiten Mal zu wenig ändern. Ich habe eine meisterhafte Stilübung gesehen, einen vorbildlichen Ausstattungsfilm, eine makellose Genre-/Milieustudie mit Altman-Touch, aber ich habe nicht verstanden, was dein Film mir so Wichtiges sagen will. Eine kleine Andeutung wäre Grund genug für ein zweites Mal gewesen. Denn ich versuche seit langem dein Fan zu bleiben. Wegen "Short Cuts" bleibe ich von dir fasziniert. "Gosford Park" hat mir nur bewiesen, was ich schon lange weiß: dass du das Handwerk beherrschst. Aber hast du nur noch so wenig zu sagen, dass dir dieser Nachweis genügt?

Alles Gute! Bis zu deiner Weiterentwicklung - falls alte Männer neue, und vor allem bewegende Filme machen können.

 

[Auch ohne Wortspiel: Sie können! Das letzte mir bekannte Beispiel war: "Ich geh nach Hause!" (Manoel de Oliveira) Damit habe ich dir nichts vorgeschlagen. Aber meiner Sehnsucht Ausdruck gegeben!]

Wir brauchen alte, weise (Kino-)Männer heute mehr denn je.

 

Dein

 

Andreas Thomas

 

 

 

Zu diesem Film gibt's im  archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Gosford Park

Regie: Robert Altman; Drehbuch: Julian Fellowes nach einer Idee von Robert Altman und Bob Balaban; Produzenten: Robert Altman, Bob Balaban, David Levy; Ausführende Produzenten: Jane Barclay, Sharon Harel, Robert Jones; Co-Produzenten: Jane Frazer, Joshua Astrachan; Kamera: Andrew Dunn; Schnitt: Tim Squyres; Produktionsdesigner: Stephen Altman (Sohn von Robert Altman); Musik: Patrick Doyle; Kostüme: Jenny Beavan; Casting: Mary Selway;
Darsteller: Michael Gambon (Sir William McCordle), Kristin Scott Thomas ("Der englische Patient", "Der Pferdeflüsterer"; Lady Sylvia McCordle), Camilla Rutherford (Isobel McCordle), Maggie Smith (Constance, Countess of Trentham), Charles Dance ("Hilary & Jackie"; Lord Raymond Stockbridge), Geraldine Somerville (Lady Louisa Stockbridge), Tom Hollaender (Lieutnant Commander Anthony Meredith), Natasha Wightman (Lady Lavinia Meredith), James Wilby (Freddie Nesbitt), Claudie Blakley (Mabel Nesbitt), Laurence Fox (Lord Rupert Standish), Trent Ford (Jeremy Blond), Jeremy Northam (Ivor Novello), Bob Balaban (Morris Weissman), Alan Bates ("Alexis Sorbas"; Jennings), Helen Mirren (Mrs. Wilson), Eileen Atkins (Mrs. Croft), Emily Watson ("Breaking the Waves"; Elsie), Richard E. Grant (George), Jeremy Swift (Arthur), Derek Jacoby (Probert), Sophie Thompson (Dorothy), Meg Wynn Owen (Lewis), Teresa Churcher (Bertha), Sarah Flind (Ellen), Finty Williams (Janet), Emma Buckley (May), Kelly MacDonald ("Trainspotting"; Mary Maceachran), Ryan Phillippe ("Eiskalte Engel", "Leben und Lieben in L.A."; Henry Denton), Clive Owen (Robert Parks), Adrian Scarborough (Barnes), Joanna Maude (Renee), Frances Low (Sarah), John Atterbury (Merriman), Stephen Fry ("Peter's Friends", "Oscar Wilde"; Inspector Thompson), Ron Webster (Constable Dexter);

USA 2001, Länge: 137 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Vertrieb von United International Pictures und im Verleih von ottfilm; Film-Homepage: http://www.gosfordpark.de

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