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Spo Spiti - At Home

 

 

Die Finanzkrise ist im zeitgenössischen Kino Griechenlands, in den Filmen von Yorgos Lanthimos oder Yannis Economides, vor allem als gewalttätige Allegorie gegenwärtig. Athanasios Karanikolas verzichtet in „Sto Spiti – At Home“ auf Sinnbilder, sein dritter abendfüllender Spielfilm überzeugt durch eine bestechend klare Ästhetik und eine minimalistische Inszenierung. Es geht gewissermaßen um eine Krisenarchitektur. Das geschmackvoll gestaltete Haus von Stefanos und Evi liegt hoch über der Ägäis auf einem Felsen, geometrische Linien fügen sich zu aufgeräumten, modernistischen Formen. Solche Häuser, viel Beton, viel Glas, wurden in den vergangenen zwanzig Jahren im Zuge der Olympischen Spiele, die ein neues, modernes Griechenland repräsentieren sollten, zuhauf gebaut. Inzwischen werden die völlig überteuerten Spiele als Beginn der Finanzkrise bezeichnet, und das Haus von Stefanos und Evi, einem gut situierten Paar mit dreizehnjähriger Tochter, erhält eine gewisse Symbolkraft. Karanikolas inszeniert die klaren architektonischen Linien wie scharfe Begrenzungen, die die Menschen einsperren. In seiner Formsprache kommt eine latente Gewalt zum Ausdruck.  

Von einer finanziellen Krise handelt aber auch „Sto Spiti – At Home“ nur in einem erweiterten Sinn, vielmehr beschreibt er eine zwischenmenschliche Krise: einen Vertrauensbruch. Nadja, eine georgische Migrantin, arbeitet seit vielen Jahren für Stefanos und Evi. Sie hat schon die Geburt von Tochter Iris miterlebt und wird besonders von Evi wie ein Familienmitglied behandelt. Die Grenzen zwischen Dienstleistung und Freundschaft verlaufen fließend. Wenn Nadja ein Designerkleid Evis trägt, werden die sozialen Unterschiede auch äußerlich unsichtbar. Es beginnt damit, dass Nadjas Beine Taubheitserscheinungen zeigen. Eines Tages bricht sie einfach zusammen, ihr Freund Marcos, der das Pferd von Iris pflegt, kümmert sich liebevoll um sie. Die Wirtschaftskrise und Nadjas gesundheitliche Verfassung nehmen dramatische Formen an. Stefanos muss möglicherweise in ein anderes Land versetzt werden, doch vor allem beunruhigt ihn die Anwesenheit der kranken Nadja. Als sich ihr Krankheitsbild weiter verschlechtert, reift in ihm die Entscheidung heran, Nadja – die beste Freundin seiner Frau, die Ersatzmutter für Iris – gegen eine großzügige Abfindung zu entlassen.    

„Sto Spiti – At Home“ gelangt zu diesem Bruch im sozialen Gefüge ohne äußere Empörung. Man könnte Karanikolas unterkühlten Stil für mitleidlos halten, er verschafft Maria Kallimani in der Rolle der Nadja aber im Gegenteil eine imponierende darstellerische Freiheit, die die vielen Nuancen ihrer Verletzung – von Trauer über Fassungslosigkeit bis Stolz (wenn sie Stefanos Umschlag unberührt auf dem Tisch liegen lässt) – zum Vorschein bringt. Nadja will kein Geld, sie verlangt Anerkennung: als Mensch, als Freundin. Markos wiederum wirft ihr Naivität vor: Sie habe sich von der Freundlichkeit der Familie täuschen lassen. Doch ihr sanftes Insistieren auf die Erfüllung eines unausgesprochenen Kontrakts ist die ehrlichste Reaktion auf die Bedrohung durch eine ökonomische Krise. Nadja erinnert in ihrem unerschütterlichen Vertrauen an eine Heldin der Dardenne-Brüder. Karanikolas architektonische Formsprache fungiert als soziales Gefängnis, aus dem sich die Frau unbeirrt zu befreien versucht.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film

 

 

Sto Spiti - At Home
OT: Sto spiti - Griechenland 2014 - 103 min. - Regie: Athanasios Karanikolas - Drehbuch: Athanasios Karanikolas - Produktion: Argyris Papadimitropoulos, Lasse Scharpen, Lucas Schmidt - Kamera: Johannes Louis - Schnitt: Lorna Hoefler Steffen, Monika Weber - Verleih: Arsenal Institut - Besetzung: Zoi Asimaki, Nikos Georgakis, Ieronymos Kaletsanos, Maria Kallimani, Alexia Kaltsiki, Nefeli Kouri, Romanna Lobats, Alexandros Logothetis, Marisha Triantafyllidou, Yannis Tsortekis - Kinostart (D): 04.09.2014

 

 

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